Raï
Musik aus Algerien & Marocco

Bei Raï denken viele vielleicht erst mal an den staatlichen italienischen Fernsehsender. Der heißt zwar genauso, hat aber mit der Musik aus Algerien überhaupt nichts zu tun. Der Raï ist eine wichtige Strömung innerhalb der Weltmusik. Aber nicht nur Hits wie zum Beispiel "Aisha" von Khaled werden gerne gecovert und tauchen dann auch in den Charts der diversen Radiosender auf. Jüngstes Beispiel: Aisha in der Version der Band " Outlandish".

Die Anfänge des Raï

"Zugegeben, die Stadt selber ist hässlich", schrieb der Schriftsteller Albert Camus über Oran. Dennoch wurde die algerische Hafenstadt als Geburtstätte des Raï weltberühmt. Im Dunstkreis halbseidener Bars und Kaschemmen entstand hier Anfang des 20.Jahrhunderts dieser neue, moderne Stil der Musik des Maghreb. Er speiste sich aus arabisch-andalusischen Gesangstraditionen, lokaler Folklore und französischen Einflüssen.
Raï bedeutet soviel wie "Meinung", "Ansicht". Auf dem Marktplatz der Hafenstadt sangen früher ältere Straßenmusiker, die so genannten Cheikhs, ihre Moritaten und Baladen, zum Beispiel über die vergangenen Heldentaten von muslimischen Heiligen. Das Publikum feuerte sie gerne mit dem Zwischenruf "Ya Raï" an - in etwa: "Sag es !", daher rührt der Name.
In den Cafes und Cabarets der nichtmuslimischen Viertel, wo der Verkauf von Alkohol gestattet war, sorgte jedoch zur gleichen Zeit, in den Zwanzigerjahren, eine ganz neue Gattung weiblicher Sängerinnen für Furore. Sie stachen durch ihre direkte und ungekünstelte Sprache hervor, und schmückten ihren Namen nicht ohne Ironie mit der Vorsilbe Cheikha, einem Ehrentitel in der arabischen Welt. Zu den bekanntesten unter ihnen avancierte die Sängerin Cheikha Remitti, die als Edith Piaf des Raï bezeichnet wurde. Mit ihrer Stimme, die von Zigaretten und Alkohol gezeichnet war, gab sie explizite Lieder zum Besten. Von den kolonialen Autoritäten und den öffentlichen Moralwächtern misstrauisch beäugt, genoss sie unter einfachen Leuten ungeheuere Popularität. 1936 nahm sie ihre erste Schallplatte auf.

Der Raï - Boom

Der eigentliche Durchbruch des Raï kam aber erst in den Siebzigerjahren. Beeinflusst von westlichen Moden wie Swing, Rock'n Roll und Soul, hatte einen neue Generation von MusikerInnen den Raï inzwischen für die Tanzfläche fit gemacht. Der Bandleader Bellemou Messaoud etwa ersetzte Holzflöte und Handtrommeln aus der Folklore Tradition durch Trompete, Saxofon, Tabla und sogar Schlagzeug, und führte das Akkordeon in den Raï ein. So kombinierte er die arabischen Vierteltöne des Raï mit dem Instrumentarium einer amerikanischen Big-Band.
Bis dahin waren Auftritte von Raï-MusikerInnen auf Cafes, Hochzeiten und andere Privatfeiern beschränkt gewesen. Ab Mitte der Siebzigerjahre aber kamen Kassetten als neue, billige Tonträger auf. Sie lösten die Schallplatte ab und sorgten dafür, dass sich der Ruhm der neuen Raï-Stars rasch in ganz Algerien verbreitete.1962 war Algerien unabhängig geworden. Doch das neue sozialistische Regime der Nationalen Befreiungsfront(FNL), die nach dem Unabhängigkeitskampf gegen die französische Kolonialregierung die Macht übernahm, enttäuschte bald die Erwartungen, vor allem in ökologischer Hinsicht. Die algerische Jugend der Siebzigerjahre litt unter Gängelung, Arbeitslosigkeit und sexueller Frustration. Die Raï-Musik wurde da zum Ventil für diese Unzufriedenheit. Junge Raï-Stars wie Cheb Khaled oder die Sängerin Cheba Fadela kokettierten bewusst mit dem Image der Rebellion. Schon die Vorsilbe "Cheb" oder weiblich "Cheba", war so viel wie "Jung" und "attraktiv" bedeutet, klang wie ein Versprechen. Und die Lieder, die meist von der Liebe und anderen gesellschaftlichen Nöten handelten, adressierten die Probleme einer ganzen Generation. Hits wie "N Sel fik" ( Du gehörst mir) von Cheba Fadela verkauften sich hunderttausendfach im ganzen Land. Vom staatlichen Radio und Fernsehen komplett ignoriert, stiegen die jungen Stars des Raï-Pop zu gefeierten Identifikationsfiguren auf. Der Musik wurde dabei oft nur wenig Wert beigemessen : Meist wurde die Stimme lediglich von Synthesizer-Melodien und maschinellen Rhythmen unterlegt. Selten wurden für die billigen Fließband-Produktionen des algerischen Kassetten-Pop mehr als ein Bass-Gitarrist und ein Percussionist engagiert.

Die Globalisierung des Raï

Seit Mitte der Achzigerjahre aber siedelten immer mehr Raï-MusikerInnen nach Frankreich über, wo sie sich bessere Arbeitsbedingungen erhofften. Nach den annullierten Wahlen im Dezember 1991, aus denen die Islamische Heilsfront (FIS) als klare Sieger hervor gingen, spitzte sich die Lage in Algerien außerdem weiter zu. In dem Bürgerkrieg, der in den Neunzigerjahren zwischen dem Staat und fundamentalistischen Gruppen eskalierte, gerieten auch die Raï-MusikerInnen zwischen die Fronten. Der Raï Produzent Rachid Baba Ahmed und der beliebte Raï Sänger Cheb Hasni fielen beide 1994 Attentaten zum Opfer. Die allabendliche Ausgangssperre und die ständige Angst vor Terroranschlägen brachten jedes öffentliche Leben zum Erliegen.

In Frankreich dagegen herrschten nicht nur Frieden und Bewegungsfreiheit. Es gab auch bessere Studios und eine professionelle Musikindustrie, die sich allmählich auch für die eingewanderten Raï-Stars aus Algerien öffnete. Als erster unterschrieb der charismatische Cheb Khaled einen Vertrag bei einer französischen Plattenfirma. Mit Hilfe des US-Produzenten Don Was produzierte er 1991 ein Album, das ihm gleich seinen ersten internationalen Hit bescherte. Sein Song "Didi" war so erfolgreich, das er vielfach kopiert wurde: Es entstanden Versionen in Hindi, Hebräisch und Türkisch. Raï-Stars wie Khaled, Cheb Mami & Rachid Taha haben inzwischen die Globalisierung des Raï weitergetrieben. Längst haben sie ihre Fans nicht mehr nur unter der algerischen Einwanderer-Jugend in den französischen Vorstädten, im Gegenteil: Wenn sie große Konzertsäle wie das Zenith in Paris füllen, dann sind diese sogar eher in der Minderheit. Und weil sie weltweit auf Tournee gehen, haben sich Khaled & Co inzwischen rund um den Globus ein Publikum erspielt.

Genau so global ist mittlerweile die Musik geworden. Von Reggae, Funk und französischem Pop beeinflusst, hat sich der Raï mittlerweile bis hin zum "Salsa-Raï" eines Faudel ausdifferenziert. Im Duett mit Sting gelang dem Raï-Sänger Cheb Mami mit dem Song "Desert Rose" im Jahr 1999 sein bislang größter Erfolg. Und die großen Hits des Genres wie Khaleds "Aisha" leben mittlerweile in unzähligen Cover-Versionen fort.

Zipflo bringt mit seinen Raï -Musikabenden Einblick in die nordafrikanische Seele, stimmungsvoll und tanzbar.
Beim Salam .Orient Festival 2005 konnte man Zipflo als support bei Rashid Taha ( Algerien ) in der Szene Wien
sowie auch beim Maurice El Medioni Trio (Algerien) im Porgy & Bess hören.

Bei der CD Präsentation von Kadero Rai ("perdu") im Porgy& Bess ( Do.21.04.2005) war Zipflo mit nordafrikanischer Musik zu bewundern

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